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Schule ohne Rassismus

Schule ohne RassismusDokumentation einer Rede von W. Heigl in der Wilhelm-Busch-Realschule, München, 21.2.2002, Begrüßung in Vertretung Uli Nehls, Bundeskoordinator SoR-SmC, Berlin:

 

Zu Beginn ein Zitat der Münchner Stadtschulrätin:

"Schule ohne Rassismus entstand 1988 in Belgien. Mittlerweile ist Schule ohne Rassismus ein europäisches Pilotprojekt, das auch in Deutschland Schulen positiv verändert. Ziel des Projektes ist es, Grenzen des Glaubens, des Geschlechtes, der Hautfarbe, der Nationalität, der Behinderung etc. zu überwinden. Das Projekt beschränkt sich nicht auf Schulen mit einem hohen Anteil von Ausländern (besser: Migrantinnen und Migranten). Es ruft die Jugendlichen und Schulen auf, sich für gleiche Rechte und Chancen aller Menschen einzusetzen. Dazu gehört die Sensibilisierung für und die Verhinderung von Rassismus, auch in seiner Form als heimliche Alltags-Diskriminierung, wie sie in allen Bereichen unserer Gesellschaft vorkommt..."

Mit diesen Worten rief die Stadtschulrätin von München 1995 zum ersten Mal die städtischen Schulen dazu auf, Schülerinnen und Schüler für dieses Projekt zu begeistern. Bis heute schlossen sich in ganz Deutschland 87 Schulen diesem Projekt an; aber bis heute war keine Münchner Schule dabei!

Dass die Anregung der Stadtschulrätin auf erhebliche Widerstände stoßen würde, zeigte schon das erste Antwortschreiben eines Münchner Schulleiters, das hier auszugsweise zitiert sei: "Wir haben es nicht nötig, von irgend jemandem den Titel Schule ohne Rassismus verliehen zu bekommen. Wir sind eine Schule ohne Rassismus."

Vorsichtig ausgedrückt schienen sich hier Missverständnisse aufzutürmen; vielleicht haben wir es auch mit sehr unterschiedlichen Formen der Sensibilität zu tun für das, was "Rassismus" genannt wird.

Also der Reihe nach:

Zitat: "Rassismus liegt immer dann vor, wenn bestimmte Merkmale von Menschen (z. B. Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht usw.) mit bestimmten Eigenschaften (z. B. kriminelle Energie, geistige Fähigkeiten etc.) gekoppelt werden und durch diese Konstruktion eine Abwertung praktiziert wird."

So definiert die Bundeskoordination des Projekts "SCHULE OHNE RASSISMUS" diesen schillernden Begriff. Und wenn wir diese Definition ernst nehmen, werden wir - leider - schnell fündig; auch in ganz "normalen" Schulen, in Büchern, sogar in Lehrplänen, eigentlich überall in unserer Gesellschaft und wenn wir genau sein wollen auch bei uns selber.

Dazu einige Beispiele:

Die Darstellung ferner, "fremder" Kulturen und Menschen z. B. in manchen Geschichts-, Erdkunde-, Biologie- usw. -Büchern ist z. T. (wie wissenschaftliche Untersuchungen zeigen) immer noch haarsträubend. Eine Kultur des Kannibalismus unter Indianern, Sex und Tanz, die dem "Neger im Blut" liegen, die zerstörerische Tyrannei muslimischer Eindringlinge in West- und Osteuropa in den letzten 1000 Jahren - das sind ebensolche Mythen, wie die Vorstellung von der angeblich minderen Intelligenz einzelner Rassen - eine Vorstellung, die wissenschaftlich nicht haltbar ist und dennoch von Generation zu Generation weitergegeben wird. Wer weiß eigentlich, dass der Begriff "Rasse" - auf Menschen angewandt - selber wissenschaftlich unhaltbar ist? Wer kennt das Standardwerk "Verschieden und doch gleich" von Cavalli-Sforza (München, 1994), in dem ein Genetiker dem biologistischen Rassismus endgültig die pseudowissenschaftliche Grundlage entzieht.

Dass das Jonglieren mit Vorurteilen zumindest vordergründig "lustig" oder "harmlos" scheinen mag, obwohl es das Gift der Verachtung und vielleicht des Hasses gerade in junge Herzen pflanzen kann sollen zwei Strophen aus Kindergedichten verdeutlichen:

Beispiel 1:
Es wohnte da ein schwarzer Mann,
Der Affen fing und briet sie dann.
Besonders hat er junge gern,
Viel lieber als die ältern Herrn.
»Ein alter Herr ist immer zäh!«
So spricht er oft und macht »Bebä!«

Beispiel 2:
Und der Jud mit krummer Ferse,
Krummer Nas und krummer Hos
Schlängelt sich zur hohen Börse,
Tiefverderbt und seelenlos.

Das erste Beispiel stammt aus "Fipps der Affe" (1879) und das zweite Beispiel aus "Die Fromme Helene" (1872) und beides ist natürlich vom Namensgeber dieser Schule, von Wilhelm Busch. Ich denke, dass es gerade für junge Leute spannend sein kann, einen Schriftsteller nach offenen oder verborgenen Diskriminierungen von Minderheiten und deren historischen Hintergründen zu durchforschen und ich erkläre mich hiermit bereit, der ersten Gruppe dieser Schule, die dieses Projekt (z. B. eine Ausstellung) unternimmt 30 Interkulturelle Antirassismus-Kalender der Aktion Courage zu schicken. Meldungen bitte an mich.

Aus aktuellem Anlass soll hier auch kurz die Rede sein von den vielfachen Formen mehr oder minder deutlicher Neonazi-Propaganda, die auch vor Schultoren nicht haltmacht. Jene unter euch SchülerInnen, die auf einem meiner Seminare waren, werden sich vielleicht an die primitive aber doch deutlich hasserfüllte Home-Page "White-Power 88" erinnern. Sie wurde im Mai 2001 von Schülern der Wirtschaftsschule Freising ins Netz gestellt, jener Schule also, an der vor 2 Tagen ein ehemaliger Schüler als Amokschütze unter anderem deren Leiter erschoss. Immer deutlicher zeichnet sich hier eine mögliche Verbindung von Hass-Phantasien und realer Gewalt ab, die sich ihre Feindbilder und die Muster ihrer Konfliktlösung aus der rechtsextremen Szene holt. Dass der junge Mörder selber aus Polen stammt und trotzdem oder gerade deshalb die Nähe zur Neonaziszene gesucht hat ist nur scheinbar schizophren; es ist sicher für den verständlich, der unseren Film "Gas-Station" gesehen und diskutiert hat.

Die Statistik zeigt, dass 75 % aller Straftaten im Bereich "Delikte mit rechtsextremistischem Hintergrund" von Jugendlichen begangen werden - und hier sind überwiegend junge Männer gemeint - (Trierer Forschungsgruppe Eckert, Willems, Würz) also von Schülern oder Auszubildenden (insg. 20.000 Straftaten in 2000).

Daraus folgt nicht, dass unsere Schulen Brutstätten für Gewalt und Fremdenfeindlichkeit sind, aber es folgt sehr wohl daraus, dass unsere Schulen der wichtigste Ort sind, diesen gesellschaftlichen Tendenzen gegenzusteuern und da wird offensichtlich noch zu wenig getan.

Wenig hilfreich scheint hier der Standpunkt des KM, das ein halbes Jahr nach den fremdenfeindlich motivierten Morden von Mölln und Solingen sich erstmals dem Thema Interkulturelle Erziehung widmet und dazu einen Aufsatz von Eibl-Eibesfeldt an die Schulen schickt.

Dieser schreibt:"Wir könnten der Xenophobie erzieherisch entgegenwirken. Nur sollte unser Verhalten dabei nicht kritiklos in das Gegenteil einer ausufernden Fremdenliebe ausarten, denn dies könnte der erste Schritt zum Verlust unserer kulturellen und ethnischen Identität sein" (in Schulreport Nr. 3, 9/93).

Gerade jetzt in Wahlkampfzeiten werden wir solche Töne wieder öfter hören und an uns ist es dieser Verzerrung entgegenzutreten, denn dieser Ansatz führt mit Sicherheit in die Sackgasse, wenn nicht gar in die Vergangenheit.

IKL (Interkulturelles Lernen) heute hat demgegenüber zwei Aufgaben:

  1. Eigene und fremde kulturelle Normen zu verstehen und zu hinterfragen, d. h. den Fremden in mir selbst erkennen, das "innere Ausland" (Freud)

  2. Fremdheitskompetenz gewinnen, also die Fähigkeit, "ohne Angst verschieden (zu) sein" (Adorno); daraus abgeleitet ergibt sich nicht nur kulturelle Toleranz i.S. von Respekt, sondern aktive Solidarität mit Minderheiten, mit den "anderen".

Und diese Arbeit muss und kann am besten von jungen Leuten selber geleistet werden. Dazu habt ihr an dieser Schule vielfache Beispiele geliefert. Eure Projekte zeigen auf beeindruckende Weise, was junge Menschen leisten können, wenn Lehrer, Eltern und Schulleitung sie dabei unterstützen.

Da ist es nur logisch wenn ihr heute mit der Verleihung der Auszeichnung euch zur dauerhaften Mitarbeit an einem großen europäischen Programm verpflichtet, einem Programm, das sich seit Jahren als "Projekt von unten" begreift, das SchülerInnen dazu motivieren will, sich mit diskriminierenden Tendenzen in ihrer Lebenswelt selber auseinanderzusetzen.

Das Motto lautet dabei: "Der Weg ist das Ziel"; d. h., es gibt keine Schule ohne Rassismus, die das Ziel ein für alle mal erreicht hätte, es handelt sich vielmehr um eine permanente Aufgabe, deren Ergebnisse uns allen, der Gesellschaft von morgen zu Gute kommen.

Die Arbeit an dieser Aufgabe kann euch mit Stolz und Freude erfüllen, denn: das Projekt "Schule ohne Rassismus" - und damit ab heute auch ihr - wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, z. B. 1997 mit dem Förderpreis "Demokratie leben" des Deutschen Bundestags durch Frau Prof. Süssmuth; im März 2001 mit der Buber-Rosenzweig-Medaille und bei dieser Gelegenheit wurde das Projekt zugleich in SoR - SmC (Schulen ohne Rassismus - Schulen mit Courage) umbenannt.

Das ist von großer Bedeutung für uns alle, zum einen weil damit ein positiver Wert betont wird, ohne den ihr nicht erfolgreich sein könnt und zum zweiten, weil man gerade als junger Mensch schon Courage brauchen kann wenn man sich einmischt, z. B. in einer Stadt, in der die Stadtspitze eine missliebige Demonstration gegen Kriegsplanungen einfach verbietet und die Polizei dann über 800 Menschen inhaftiert, von denen die Hälfte Jugendliche sind, darunter sehr viele Münchner SchülerInnen.

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Courage und Erfolg in euren Anstrengungen gegen Gewalt und Diskriminierung - für ein besseres Miteinander in München; und ich wünsche uns allen, dass euer Beispiel Schule macht und dass ihr als 88. Schule ohne Rassismus in Deutschland - auch das vielleicht ein wichtiges Zeichen - in München erst der Anfang seid einer ganzen Reihe von: Schulen ohne Rassismus - Schulen mit Courage.

Seit 7.5.2003 gibt es eine zweite "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" in München: das Luisen-Gymnasium.

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