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Didaktisches Konzept

  1. "Belehrung kommt gegen Erfahrung nicht an", aber:
    "Die Praxis solidarischen Lernens schafft Erfahrung"

Schulische Erziehung zum positiven Umgang mit Fremden (Erziehung gegen Rassismus) wird meist im kognitiven Bereich den Hebel ansetzen. Das Ziel dieser Erziehung ist Aufklärung. Den Schülerinnen und Schülern soll klar werden: Die Welt ist komplizierter als viele Vereinfacher uns sagen wollen; Vorurteile haben oft eine politische Funktion; sie sollen z.B. von gesellschaftlichen und politischen Defiziten ablenken. Lassen wir uns ein auf die Verunsicherung, die jedes Infragestellen von Klischees zunächst bedeutet; informiert euch möglichst genau (oder besser: Machen wir's gemeinsam!). Benutzt Euren eigenen gesunden Menschenverstand: Kann es sein, dass die Italiener faul sind, die Türken schmutzig, die Polen uns beklauen wollen - droht Deutschland wirklich eine Flut, ist unsere "Rasse" in Gefahr?

Ausstellung gegen Rechts '94Im kognitiven Bereich wird in den Schulen sicher noch zu wenig getan; Unterricht reicht jedoch (allein schon von der Zeit, die zur Verfügung steht) meist nicht aus. Sinnvolle Ergänzung bieten freie Arbeitsgemeinschaften an der Schule (Vorteil: jahrgangsübergreifende Gruppen bringen lebensnähere Erfahrungen als der Klassenverband, kein Unterricht im herkömmlichen Sinn), möglichst mit Bezug zu anderen Gruppen im Stadtteil (Bürgerinitiative, Jugendgruppe der Pfarrgemeinde, Freizeitstätte, Sportverein etc.), die am selben Thema (z. B. "Fremde bei uns") arbeiten wollen. Wenn Schüler etwas für sie Wichtiges gelernt haben, wollen sie dies auch zeigen und dafür Anerkennung gewinnen. Spätestens jetzt muss die zweite Komponente der Erziehung gegen Rassismus greifen: der emotionale Faktor. Die emotionale Lernbereitschaft kann auch gut zum Einstieg genutzt werden. Emotionales Lernen spricht besonders junge Menschen an, sie wollen selber etwas machen, z. B.:

Voraussetzung ist, dass der Lehrer oder die Lehrerin hier mitmacht, organisatorisch und inhaltlich berät, sich auf Schülervorschläge einlässt.

Wichtig ist auch, dass die Schüler der AG ihre Vorstellungen an der ganzen Schule propagieren (Projekttage, Schulfest, offene Schulpartys ...), möglichst viele Nicht-AG-Mitglieder zur zeitweisen Mitarbeit gewinnen und dass ein gewisses Maß an Kontinuität bei nachwachsenden Schülergenerationen gewährleistet wird.

Schließlich wirkt auch die Vernetzung, z. B. mit andern Schulen oder mit nichtschulischen Organisationen im Stadtteil, stabilisierend. So lernen junge Menschen Solidarität durch erlebte Erfahrungen.

Ganzheitliche Erziehung gegen Rassismus bedeutet die Verbindung von emotionalem und kognitivem Lernen, das sich abwechselt, gegenseitig ergänzt und so die Voraussetzung schafft, für neue soziale Kompetenzen im Umgang mit Fremden. Hier ein möglicher Einstieg:

  1. "Emotionen wecken und diese in Lerneffekte umsetzen": das Beispiel A.R.T

Zunächst soll gezeigt werden, wie durch "Peer Education", die Erziehung von Jugendlichen durch (fast) Gleichaltrige, der kognitive und motivationale Erfolg einer Erziehung zu Toleranz und Solidarität verstärkt wird. Anschließend wird das Programm Erwachsenen zum Einsatz in Schulklassen angeboten. Dieses A.R.T - Modell wurde seit 1990 mit SchülerInnen entwickelt.

Vielen jungen Menschen reicht es längst nicht mehr, den üblichen, einmaligen Schweigekreis im Schulhof (vergleichbar der Gedenkminute im Betrieb) zu veranstalten, angesichts immer neuer Meldungen über Gewalttaten mit rechtsextremistischem Hintergrund. Sie engagieren sich langfristig und dauerhaft. Aber sie wollen nicht nur sich selber verändern, sondern auch ihre Umwelt.

A.R.T-Seminar 1996Aus diesem Bestreben entstand das Programm A.R.T, ein Anti-Rassismus-Training, das einige wenige, engagierte junge Leute (z. B. SchülerInnen ab Klasse 9) in die Lage versetzt, in Zweiergruppen mit möglichst vielen Klassen (ab Jahrgang 5) einer Schule (das wird in der Regel die eigene Schule sein, könnte aber auch z. B. die benachbarte Hauptschule sein) ein erstes Minimaltraining zu antirassistischem Fühlen und (Nach-)Denken durchzuführen.

Die künftigen TrainerInnen brauchen zunächst Zeit (z. B. für ein A.R.T-Wochenendseminar), um mit einem Coach (z. B. einem Lehrer), der unterstützt, managt, koordiniert, ihre Möglichkeiten und Ziele abzustecken. Derartige Seminare können für SchülerInnen und Schüler aus dem Großraum München über das Bayerische Seminar für Politik e.V. (Tel. 089/2609006, Fax -07, bsp@baysem.de) organisiert werden. Die Praxis hat gezeigt, dass so ausgebildete TrainerInnen schon nach zwei oder drei Schulstunden in einzelnen Klassen - vielleicht sogar an der ganzen Schule - das Bewusstsein und Verhalten gegenüber Fremden entscheidend ändern können. Dass die TrainerInnen durch diese neue Erfahrung sich selber verändern werden versteht sich von selbst.

Natürlich kann das selbe A.R.T - Programm auch von einer Lehrerin, einem Lehrer, SozialpädagogInnen, ErzieherInnen etc. in Schule, Nachmittagsbetreuung oder Schullandheim nach kurzer Vorbereitung durchgeführt werden. Dadurch geht zwar der Vorteil des "Peer Teaching" verloren; dies muss aber dann kein Nachteil sein, wenn andere "neue Gesichter" (z. B. Sozialpädagogen, die ins Schullandheim kommen) dieses Training - vielleicht in Verbindung mit anderen Bausteinen zur interkulturellen Erziehung - als etwas Neues, Besonderes von außen in die Klasse bringen. Sollte der "normale" Deutschlehrer oder die Klassenlehrerin dieses Programm durchführen wollen, so empfiehlt es sich, einen zweiten Kollegen, eine Kollegin mit einzubeziehen und den SchülerInnen auch dadurch deutlich zu machen, dass es sich nicht um 'normalen' Unterricht handelt.

Weitere Anregungen, Materialien in:

Arbeitsbuch gegen Ausländerfeindlichkeit
Wunibald Heigl, Beltz 1996 (im Buchhandel vergriffen)

Interkulturelle Kommunikation (IKK) und Cross-Culture Conversation (CCC)
25 Übungen deutsch und englisch

 

 
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