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Erfahrungen

Erfahrungsberichte von Jugendlichen
Erfahrungsberichte von Erwachsenen

SchülerInnen als A.R.T-TrainerInnen an Münchner Schulen

Lize, 10. Klasse

Vor einigen Jahren wurde durch größere Schüler ein "Antirassismustraining" mit mehreren Bausteinen aus dem Projekt "Miteinander leben" an allen achten Klassen unserer Schule durchgeführt. In einer dieser Klassen war ich.

Als "Ausländerin" in Deutschland interessiert mich das Thema "Fremdenfeindlichkeit" zwangsläufig, da auch ich betroffen bin. Aber dieses zweistündige Training mit Folien, Diskussionen und Teilen des Films "Wahrheit macht frei" verstärkte mein Interesse nochmals.

A.R.T-Seminar '99Die Idee, bei (jüngeren) Schülern Bewusstsein zu schaffen und sie für dieses Thema zu sensibilisieren, fand ich sehr gut. Also beschloß ich zwei Jahre später, an einem A.R.T-Seminar an einem Wochenende teilzunehmen, das für Schüler angeboten wurde, die sich dafür ausbilden lassen wollten, die Themen "Fremde bei uns" und "Neonazis" in Schulklassen anzusprechen. Über unsere Arbeit wurde ein Dokumentar-Video mit dem Titel A.R.T gedreht.

Im gleichen Schuljahr machte ich an unserer Schule bei dem Projekt "Miteinander leben" mit, d. h. ich ging nach gründlicher Vorbereitung mit anderen größeren Schülern in die 5. und 6. Klassen, wo wir mit den Kindern über die Themen "Fremde" und "Neonazis" sprachen. Dabei war es uns wichtig, das Gespräch in der Klasse informativ und interessant zu gestalten, obwohl wir möglichst wenig Fachbegriffe benutzen wollten und bei der Auswahl der Folien immer berücksichtigten, daß Fünftklässler mit reinen Fakten noch nicht viel anfangen können.

Insgesamt glaube ich, daß diese zwei Stunden sehr wichtig sind, auch wenn nur wenige Schüler bereit sind, sich danach sofort aktiv mit diesen Problemen auseinanderzusetzen und z. B. an einem Seminar teilzunehmen oder sich in einer Gruppe zu engagieren. Entscheidend ist, daß schon kleine Schüler eine einigermaßen realistische Vorstellung über "Ausländer" in Deutschland bekommen und auf Hintergründe von Ausländerfeindlichkeit aufmerksam werden, damit sie gar nicht erst in die "Vorurteils-Falle" gegen Fremde bei uns laufen.

Zur Zeit mache ich mit einer Freundin ein zweistündiges Antirassismus-Training bei unseren 8. Klassen.

Mathias, K 12

Das A.R.T-Programm arbeitet mit Bausteinen aus dem Arbeitsbuch gegen Ausländerfeindlichkeit, das unser betreuender Lehrer 1996 veröffentlicht hat. Ein Schwerpunkt des Projekts lautet dabei: "Fremde bei uns".

A.R.T-Seminar '99Der Fragebogen, den wir ab der 7. oder 8. Klasse verwenden zeigt immer wieder, dass die Schätzungen der Zahl der Ausländer, Flüchtlinge etc. bei uns viel zu hoch liegt. Für uns ist das ein Indiz für Vorurteile, die viele Jugendliche von zu Hause mitbringen. Wir wollen diese bewusst machen und mit Hilfe der "Zahlen und Fakten", aber auch mit Karikaturen, Grafiken und persönlichen Beispielen überwinden. Außerdem fragen wir uns, wodurch sich "Ausländer" überhaupt von andern Menschen unterscheiden, wir zeigen z.B., dass jeder von uns selber schon mal "Ausländer" war. Der zweite Schwerpunkt will über rechtsextreme Hetzer (Alt- und Neonazis) informieren und ihre Parolen, die sich auch an Schulen finden durch Aufklärung und Diskussion als Propagandalügen entlarven. In diesem Teil des Trainings verwenden wir Ausschnitte aus Videodokumentationen (z.B. aus dem Film "Wahrheit macht frei").

Ich habe das Anti-Rassismus-Training selber zweimal als Trainer mit Klassen durchgeführt. Meine Ausbildung erfolgte in der Freizeit (z.T. in den Ferien) in einer Gruppe in Rollenspielen, langen Diskussionen etc. mit Unterstützung des beratenden Lehrers unserer SMV-AG Politische Bildung. Eine spätere Gruppe wurde in einem zweieinhalbtägigen Seminar ausgebildet, was vermutlich noch effektiver ist. Wichtig ist, dass die Trainer ihr Programm zuerst in einer kleinen Gruppe gut einüben und dann in der Diskussion Fehler und gute Momente herausarbeiten; dieses Vorgehen hilft jedenfalls, Unsicherheiten vor der Klasse zu vermeiden und überzeugend aufzutreten. Vorteilhaft ist es, wenn die beiden Trainer vor der Klasse abwechselnd reden, da so der jeweils andere Trainer immer wieder Zeit hat, seinen kommenden Part zu durchdenken, bzw. den des gerade redenden Trainers zu verfolgen und eventuelle Unklarheiten auszuräumen.

Als ich das erstemal Trainer war, war ich in der 9. Klasse und recht froh, dass ich es mit einem größeren Schüler zusammen machen konnte. Die Schüler, mit denen wir arbeiteten waren in der sechsten Klasse. Beim zweitenmal war ich in der 11. Klasse, unsere Trainees waren in einer 7. Klasse und ich führte das Training mit zwei 10. Klässlerinnen durch. Meiner Meinung nach ist es sehr sinnvoll, wenn die Trainer - möglichst ein Junge und ein Mädchen - zwei bis drei Klassen über den Trainees sind. Der geringe Altersunterschied erlaubt es, sich noch besser an das eigene Unverständnis bei diesen Fragen, an eigene Vorurteile und an eigene Ausdrucksweisen zu erinnern, als dies z.B. Lehrer könnten. Da gar keine "Unterrichtsatmosphäre" aufkommt sind die kleinen Schülerinnen und Schüler meist recht offen.

Das Training selbst war für mich immer eine positive Erfahrung, da ich Interesse und Verständnis für unsere Ziele und Zustimmung bei dem größten Teil der Klasse (meist sogar bei allen Schülerinnen und Schülern) erlebt habe.

Unverständnis gab es höchstens für einzelne Sachverhalte, doch dieses Unverständnis zu überwinden ist ja auch Ziel des Trainings.

Eine gute Vorbereitung der Trainer und die Ernsthaftigkeit, die selbst recht junge Schüler dem Thema Fremde und Fremdenhass entgegenbringen sind gute Voraussetzungen, um dem Rassismus in unserer Gesellschaft den Boden zu entziehen. Auch wenn die jüngeren Schüler einzelne Namen, Fakten und Zahlen nicht genau im Kopf behalten, so lernen sie doch sehr gut, die "Argumentationen" derer, die Fremdenhass propagieren als oberflächlich, demagogisch und gefährlich zu durchschauen.

Dass unsere Arbeit auf fruchtbaren Boden gefallen ist, zeigt auch die Tatsache, dass ehemalige Trainees sich derzeit zu Trainern ausbilden und jetzt ihrerseits zu jüngeren Schülern gehen und dass sich auch schon andere Schulen dem Projekt angeschlossen haben.

Simone, 11. Klasse

Nicht immer nur reden, sondern endlich mal aktiv was tun - das war unser aller Wunsch, als wir uns zum ersten Mal auf dem Informationstreffen zum Antirassismustraining A.R.T trafen. Der Leiter des Projekts, unser Lehrer am Luisen-Gymnasium, zeigte uns Karikaturen, Folien und Spiele mit denen man die Jüngeren erreichen kann. Mehr zufällig als absichtlich fand sich dann unsere Gruppe zusammen. Von da an nahmen die Aktivitäten kein Ende mehr. Regelmäßig saßen wir nachmittags oder abends Stunden zusammen, arbeiteten gemeinsam unser Material durch, schrieben, diskutierten ... und entdeckten Tatsachen, die uns selber noch überraschten. Eine große Hilfe war uns das Arbeitsbuch gegen Ausländerfeindlichkeit, das unser Lehrer verfasst hatte.

A.R.T-Seminar '97Vollkommen daneben ging die erste Stunde, die wir selber hielten - zum Glück war es nur eine Probe mit befreundeten Schülern, die eine siebte Klasse spielten. Trotz des "Misserfolgs" traten wir später in "echten" Klasse auf und hatten erste Erfolgserlebnis. Richtig gut lief es dann, als wir eine sechste Klasse teilten und jeweils zu zweit mit ca. 15 Schülern arbeiteten. Da gab's wirklich aufregende und auch nachdenkliche Gespräche. Wir wollen dieses Training zusammen mit anderen A.R.T - Gruppen an der gesamten Unterstufe unserer Schule durchführen und gehen dann auch zu einzelnen Klassen anderer Schulen, die uns schon eingeladen haben (z. B. das Kolping-Bildungswerk).

Wir sind gespannt wie es an den anderen Schulen läuft - wir hoffen unser Training bringt den Jüngern was; uns hat es schon viel gebracht!

Johannes, 10. Klasse

Bei diesem Seminar, habe ich einiges über das Thema Rassismus erfahren; ich dachte bis dahin über viele Dinge ganz anders. Bei den Zahlenbeispielen, z. B. wieviel Prozent Ausländer es in Deutschland gibt, verschätzte ich mich sehr, wie übrigens alle anderen auch.

Dies zeigt, dass zu viele Leute, allen voran Jugendliche, nur ungenügend über dieses Thema informiert werden.

Wenn es die Eltern nicht tun, sollte es die Schule machen, was aber meistens daran scheitert, dass die Lehrer entweder Angst haben, mit ihrem Stoff nicht fertig zu werden oder schlicht und einfach selber nicht ausreichend über dieses Thema informiert sind. So war dieses Seminar für mich eine willkommene Gelegenheit, mich in diesem Thema weiterzubilden. Ich habe dort durch verschiedene Rollenspiele festgestellt, dass es für einen Ausländer oft sehr schwer sein kann, sich in eine neue Gruppe eingliedern zu müssen.

Zum Beispiel zeigte ein Rollenspiel, in dem zwei Leute neu in eine Gruppe kommen, in der ganz andere Verhaltensweisen und Regeln herrschen, wie schwer es einem fällt, sich einzugliedern. Ich war einer der zwei die rausgegangen sind und habe auch bemerkt, dass die anderen mit ihrem Wissen, das ich nicht hatte, unbewusst gespielt und mich so automatisch, ohne es zu merken, ausgeschlossen haben.

An diesem Beispiel kann man beobachten, dass man selber unbewusst mit der Macht des Wissens und der sprachlichen Überlegenheit spielt, ohne es zu merken.... Dies waren für mich die Beweggründe, in tiefere Klassen zu gehen, um wenigstens Denkanstöße zu diesem Thema zu geben.

Eva, 10. Klasse

Einige Monate nachdem ich an dem Anti-Rassismus-Training unter Leitung von Herrn Heigl und Schülern, die dieses Seminar letztes Jahr schon besucht hatten, teilgenommen hatte, ging ich mit drei anderen Schülern in eine sechste Klasse. Wir versuchten durch eine Folie als Einstieg zum Thema langsam ein Gespräch zwischen uns und den Schülern der sechsten Klasse aufzubauen, was uns auch nach einer kurzen Kennenlernphase gleich gelang. Die Jungs und Mädchen erzählten uns Geschichten, die sie selbst im Alltag erlebt hatten - zum Beispiel wie Ausländer in der U-Bahn unverschämt angeredet werden - und fragten uns, wie sie sich in so einer Situation verhalten sollen. Ich freute mich sehr darüber, wie interessiert die Klasse war und sich die Schüler auch gegenseitig zuhörten, so daß wir das Angebot des Lehrers - zu kommen wenn sie zu laut wären - nicht anzunehmen brauchten. Unser Angebot ein weiteres Training zu machen wurde begeistert aufgenommen.

Ich glaube, dass es für die Kinder angenehmer und effektiver ist, mit älteren Schülern und ohne Lehrer in einer lockeren Atmosphäre über Rassismus und Vorurteile zu sprechen, als wenn sie dieses Thema im für sie manchmal langweiligen Unterricht behandeln müssen.

A.R.T aus Sicht von Psychologen, Schulleitern etc.

Frau B., Dipl.-Psych.; Herr S., Soz.-Päd. am Kolping-Bildungswerk

Durch einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung wurden wir auf das Anti-Rassismus-Training, das Herr Heigl gemeinsam mit seinen Schülerinnen durchführt, aufmerksam. Wir, das ist der Förderungslehrgang des Kolping-Bildungswerks München. Dieser Lehrgang ist eine berufsvorbereitende Maßnahme des Arbeitsamtes. Benachteiligte Jugendliche, also junge Menschen mit Lernschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten im Alter zwischen 15 und 18 Jahren, können sich innerhalb eines Schuljahres bei uns auf eine Ausbildung vorbereiten. Sie haben Gelegenheit, verschiedene Berufsfelder in der praktischen Arbeit kennenzulernen, theoretische Grundkenntnisse zu erwerben und schulische Defizite aufzuholen. Unsere Klientel sind hauptsächlich Jugendliche aus Schulen zur individuellen Lernförderung, aber auch Hauptschüler mit und ohne Schulabschluss.

Die Saat geht auf ... vor einer Münchener SchuleAusländerfeindlichkeit, Rechtsextremismus und Vorurteile gegenüber Minderheiten sind im Lehrgang wenn nicht offen, so doch latent vorhanden. Unser Ziel ist es, Bewußtsein zu wecken, Informationen zur Thematik zu geben, gegenseitigen Austausch und Reflexion zu fördern, aufzuwecken und wachzurütteln. Auch der Aspekt, daß unsere Jugendlichen selbst oft mit Vorurteilen, die sich gegen sie richten, zu kämpfen haben, erschien uns wichtig. Schließlich sollte über das peer-teaching die oft moralisierende "Zeigefingerpädagogik" durch Erwachsene entfallen.

Bevor wir dieses "Wagnis" eingehen wollten, ein A.R.T für interessierte Jugendliche im Rahmen einer Gruppenstunde anzubieten, ließ sich zunächst das Kollegium auf eine "Kostprobe" unter der Leitung von Herrn Heigl ein. Selbst für uns Erwachsene ergaben sich neue Erfahrungen, sowohl im subjektiven Sinne (eigene Urteile bzw. Vorurteile), als auch in der vorgestellten Methodik. Daraufhin wurde das A.R.T mit vier Gruppen à 10-15 Jugendlichen von Herrn Heigl und seinen SchülerInnen durchgeführt. Erstaunlich war, daß die Jugendlichen mehrheitlich konzentriert den vorgebrachten Inhalten folgten.

Es ergaben sich interessante Diskussionen nicht nur während des Trainings selbst, sondern auch in darauf folgenden Gruppenstunden. Den Schülerinnen des Luisengymnasiums gelang es, Bewußtsein dafür zu wecken, daß die Jugendlichen des Lehrgangs einerseits Betroffene von Vorurteilen sind und andererseits selber ausgrenzen. Die Jugendlichen des Lehrgangs konnten ihre eigene subjektive Wirklichkeit äußern und so zur Diskussion beitragen. Die Gespräche verlagerten sich mehr in die Gruppen selbst. Verfestigte Vorurteile, von einigen Jugendlichen ausgesprochen, konnten in der Auseinandersetzung untereinander reflektiert werden.

Ermöglicht hat dies die Souveränität und Methodik der Schülerinnen des Luisengymnasiums. Wahrscheinlich zum ersten Mal erlebten die Jugendlichen des Lehrgangs eine inhaltliche Reflexion der Thematik unter Gleichaltrigen. Was Lehrer und Sozialpädagogen nur unter Schwierigkeiten erreichen - benachteiligte Jugendliche für die Arbeit an einem brisanten Thema zu motivieren - gelang dem Team des A.R.T auf Grund der gleichen "Wellenlänge".

Der Erfolg des Projektes läßt sich für uns daran festmachen, daß die Auseinandersetzung mit dem alltäglichen Rassismus in den Gruppen freiwillig im Lehrgangsalltag fortgeführt wird und ein Vertiefungstag mit dem A.R.T - Team geplant ist.

Herr O., OSTD, Schulleiter an einem Gymnasium in München:

Das von SchülerInnen und Schülern des Luisengymnasiums München mit einer unserer siebten Klassen durchgeführte Anti-Rassismus-Training stieß bei den Jugendlichen auf großes Interesse. Im Zeitrahmen einer Doppelstunde wurden z. B. Vorurteile gegenüber Ausländern entlarvt und irrtümliche Annahmen bezüglich Zahl und Situation der Ausländer in Deutschland diskutiert und richtig gestellt. Die Trainer sensibilisierten die Schüler für kulturelle Unterschiede und deren Hintergründe und leisteten damit einen wertvollen Beitrag zur Erziehung zu Toleranz und demokratischem Verhalten.
Dabei förderte die nur geringe Altersdifferenz die Diskussionsbereitschaft und die Akzeptanz der Inhalte durch die Schüler.

Vgl. dazu auch:
"Keine Angst vor Mongos" in: SZ 7./8.5.1997
"Antirassismustraining in Schulen" in: Bildung und Erziehung, BR 2, 20.4.1998
"Gewalt und Schule", BR 2, 11.10.2000
"Mohammed ist mein Freund: Anti-Rassismus-Training mit Schülern" in: BR 2, 23.1.2007

 

 
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